Catania – San Vito Lo Capo

Die Vorgeschichte

Am Freitag den 23. November rief mich Jens, den ich bei meiner SRC-Prüfung in Bremen kennengelernt hatte, an und erzählte mir, dass sein neuer Hochseekatamaran in Catania auf Sizilien liege und nach Lanzarote überführt werden solle und dadurch, dass sich die Ausrüstungsarbeiten hingezogen haben, die ursprüngliche Crew abgesprungen sei. Mittlerweile sei die Ausrüstung aber abgeschlossen und nur die fehlende Crew halte Hans, den Skipper, noch davon ab auszulaufen. Wenn ich also Lust und Zeit hätte, würde ich ihm einen großen Gefallen tun, wenn ich die Reise mitmachen würde…

Wow, was für ein Angebot! Ich sagte Jens zwar, dass ich natürlich darüber nachdenken müsse, da man ja Verpflichtungen hat, die man nicht so einfach über Bord werfen könne, aber… eigentlich war ich schon seit dem ersten Telefonat Feuer und Flamme! Als Jens dann am nächsten Tag noch einmal anrief und mir sagte, er würde sogar einen Flug übernehmen, war die Sache für mich geritzt. Früh am nächsten Tag saß ich im Flugzeug nach Catania und ging abends an Bord von Annaloo, wo mich Hans mit einem ordentlichen Willkommenssnack und -Bier begrüßte. Und das im Pullover an Deck, wo ich dieses Jahr doch eigentlich schon mit den warmen Temperaturen abgeschlossen hatte.

_DSC5759Annaloo ist ein Hochseekatamaran von elfeinhalb Metern Länge vom Typ Lagoon 380 (und um genau zu sein, heißt Annaloo noch Cayo Chico, denn sie soll erst in Mallorca umbenannt werden). Der erste Eindruck ist jedenfalls der Hammer! Auf elfeinhalb Metern Länge hat man einfach super viel Platz. Auch Skipper Hans macht einen entspannten Eindruck und so bin ich froh und schon sehr gespannt auf die nächsten Wochen als ich am Abend müde in die Koje falle.

26. November 2012 – Es geht los!

Nachdem wir am nächsten Morgen noch einige Einkäufe erledigt haben (hauptsächlich Obst und Gemüse, als kleines Gegengewicht zu den an Bord befindlichen reichlichen Lebensmitteln), laufen wir um Neun Uhr aus. Maschine an, Leinen los und schon treibt Annaloo vom Steg weg auf dem ich, mit der Vorspring in der Hand, noch etwas hilflos stehe. Nur mit einem beherzten Hechsprung über unseren Piernachbarn kann ich noch das sichere Deck erreichen. Puh, das ist nochmal gut gegangen! Und so schippern wir dann bei herrlichem Wetter und Sonnenschein, mit Blick auf den majestätisch thronenden Ätna, an Siziliens Ostküste Richtung Norden, Kurs: Straße von Messina.

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Da unsere Crew nur aus zwei Personen besteht, gehen wir auf See einen durchgehenden Wachdienst von vier Stunden und Hans erklärt mir schnell worauf es ankommt und auf was ich achten muss. Ich bin etwas aufgeregt, da dies mein erster längerer Seetörn ist  – und dann gleich ein solcher Schlag nur zu zweit… Hans hat freundlicherweise die Hundewache, also die Wache von 00:00 – 04:00 Uhr Bordzeit (An Bord gilt UTC) übernommen und so haut er sich, nachdem wir die Straße von Messina bei Sonnenuntergang durchquert und schon einmal das Großsegel zur Unterstützung gesetzt haben, gegen zehn Uhr in die Koje. Und ich trete meine erste Nachtwache auf See an, die jedoch völlig unspektakulär verläuft. Der Mond scheint hell und es ist kaum Schifffahrt unterwegs und so geht’s mit wenig Welle aber auffrischendem Wind Richtung Westen. Als ich Hans um null Uhr wecke, ist er erst etwas mürrisch – er hat vergessen mir zu sagen, dass bei Nachtwacheantritt ein dampfender Kaffee serviert wird.

Ich bin sehr müde und schlafe auch direkt ein. Nach guten zwei Stunden wache ich mit einem riesen Glücksgefühl das erste Mal auf. Ich liege in meiner gemütlich warmen Koje während sich Annaloo durch die mittlerweile größer gewordene Mittelmeerwelle schiebt. Mit diesem Gefühl döse ich noch träumend vor mich hin bis Hans mich zur Morgenwache ruft. An Deck wird rundum die Lage gecheckt: Ein kurzer Blick auf die Karte und die Instrumente, wie ist der Kurs, welche Geschwindigkeit… Was macht das Wetter? Und so kommt es, dass ich um fünf Uhr bei jetzt 15 Knoten Wind vorsichtig das Vorsegel setze und die Motordrehzahl runterdrehe – und siehe da, wir machen immer noch ausreichend Fahrt. Also nichts wie Motor aus und zum ersten Mal Segeln, Yippieh! Aber der Wind frischt stetig auf und pfeift eine Stunde später mit 25 Knoten dann schon ordentlich, sodass ich Hans wecken muss um Segel zu kürzen. Denn, Annaloo ist zwar sehr bequem, aber definitiv kein Schwerwetterschiff!

_DSC5750Als ich mich um acht Uhr wieder in die Koje lege um noch ein paar Stündchen zu schlafen, nimmt der Wind weiter stetig zu. Schon wieder wache ich nach zwei Stunden auf, diesmal aber weil sich mittlerweile ordentlich Welle gebildet hat und ich in meiner Koje im Vorschiff jedes Mal bis auf zwei Meter angehoben werde um dann ins nächste Wellental zu donnern. Aber zum Glück kann ich selbst das unter Seefahrtromantik verbuchen und noch eine Weile weiterdösen. Und als ich an Deck gehe, geht’s schon ordentlich rund mit Wind bis 35 Knoten und kabbeliger, ca. einen Meter hoher Welle, sodass wir uns, auch aufgrund der Wetterprognose, entschließen in den Hafen San Vito Lo Capo, am Nordwestkap von Sizilien einzulaufen, den wir um 14:00 Uhr erreichen. Dieser Schritt sollte sich als sehr weise herausstellten, denn als wir von Pizza und Wein im Ort fröhlich zurück an Bord kommen entwickelt sich selbst hier im windgeschützten Hafen ein Sturm mit Windstärken bis 45 Knoten. Der Schwimmsteg und Annaloo tanzen wild herum und wir tun alles Mögliche um sie zu sichern. Am Ende haben wir einen Anker, zwei Mooring- und fünf Festmachleinen draußen und warten auf besseres Wetter…

Für’s Erste war’s ein also ein Schlag von 200 Seemeilen östlich um Sizilien. Aber Lanzarote ist noch lange nicht in Sicht und bald geht’s auch schon weiter…

Qualifizierung zum Yachtsegeln – Scheine sammeln, schnell und Kosteneffizient

Ich hatte das Glück, schon als kleiner Junge die Begeisterung für das Segeln von meinem Großvater zu erben. Er ermöglichte es mir schon früh erste Erfahrungen im Jollensegeln zu sammeln und scheute auch nicht davor zurück mir im Alter von dreizehn Jahren seinen Kleinkreuzer für Tagestörns anzuvertrauen. So kam es, dass mir schon lange die Sehnsucht nach der See innewohnt, die sich bisher jedoch im Jollensegeln und im Lesen von Seefahrtsromanen erschöpfte.

Im Sommer 2012 habe ich mich entschlossen meinen Kindheitstraum, dem Segeln auf eigenem Kiel, in die Tat umzusetzen. Und was benötige ich neben dem eigenen Kiel im regulierten Europa als erstes? Richtig, Scheine! Als Student war ich gezwungen die Kosten niedrig zu halten, hatte aber das Glück, dass ich einerseits schon über eine ordentliche Portion Segelpraxis verfügte und andererseits in der Lage bin, mir das nötige Theoriewissen, wenn es sein muss, selbst anzueignen.

Wie komme ich schnell und kosteneffizient an die nötigen Scheine?

Nun, zunächst einmal war zu klären welche Scheine ich überhaupt benötige. Um diese Frage zu beantworten, musste ich mir darüber klar werden, was genau ich will. Und zwar möchte ich zukünftig Yachten privat auf allen Gewässern und auf dem Landweg bewegen und die nötigen Ausrüstungsgegenstände be-dienen dürfen. Und wenn ich schon einmal dabei bin, hätte ich auch gerne die nötigen Qualifizierungen zum Chartern von Yachten.

Nun konnte die Recherche beginnen: Zum Führen von Sportbooten mit einer Antriebs-leistung von mehr als 15 PS ist in Deutschland der Sportbootführerscheine (SBF) See bzw. Binnen gesetzlich vorgeschrieben. Ist eine UKW-Funkanlage an Bord (was bei einer seegehenden Yacht unbedingt der Fall sein sollte), sind entsprechende Funkzeugnisse erforderlich, für Seegewässer das SRC (Short Range Certificate) und für Binnengewässer das UBI (UKW-Sprechfunkzeugnis für den Binnenschifffahrtsfunk). Zum Ziehen von Bootstrailern ist, abhängig vom Gewicht, ein Führerschein der Klasse BE erforderlich. Und zum Chartern einer Yacht wird als Befähigungsnachweis mindestens ein Sportküstenschifferschein (SKS) verlangt und außerdem neben den Funkzeugnissen auch noch der sogenannte FKN (Fachkundenachweis für Seenotsignalmittel).

Nachdem klar war welche Scheine ich benötige, konnte ich mit der zeitlichen Planung beginnen. Hier war die Internetseite der Prüfungsassistenz Bremen sehr hilfreich, da sie neben den für die Anträge benötigten Dokumenten auch übersichtlich alle Prüfungstermine in ganz Deutschland auflistet. Und so habe ich mir die Scheine in fünf leicht verdauliche Häppchen aufgeteilt, die ich nacheinander abgearbeitet habe.

Das Scheinesammeln

Die Prüfung zum SBF-See habe ich als erstes absolviert, da er Voraussetzung für den SKS und den FKN ist. Das benötigte ärztliche Attest konnte ich kostengünstig beim Hannoveraner Uni-Sport bekommen und die Praxis habe ich sehr unkompliziert bei Peter Neiß auf der „Welle II“ (in Seelze bei Hannover) auf dem Mittellandkanal gebucht. Ein Übungstermin inkl. Prüfungsfahrt reichten hier aus. Die Theorieprüfung habe ich schon nach dem Multiple Choice-Verfahren absolviert, was das Lernen stark vereinfacht hat. Eingetrichtert habe ich mir die Theoriefragen online bei der Wassersport-Akademie, die ich für den SBF-See sehr empfehlen kann. Für die Kartenaufgaben und die offen gebliebenen Fragen hatte ich auch noch das Lehrbuch von Overschmidt und Bark vom Delius Klasing Verlag, das keine Wünsche offen lässt.

Der BE Führerschein ist, bis auf den Preis, völlig unspektakulär. Ist ein Führerschein der Klasse B vorhanden, wird keine Theorieprüfung verlangt und so musste ich nur die Pflichtfahrstunden absitzen und die nach zehn Jahren doch etwas ungewohnte Situation überstehen, beim Fahren ständig auf die Finger geschaut zu bekommen.

Beim Sportküstenschifferschein sah die Sache dann schon etwas anders aus. Hier wurde noch nicht auf Multiple Choice umgestellt und so muss man sich zu den einzelnen Fragen teilweise mehrere Punkte merken, was viele Stunden konzentriertes Lernen erfordert. Auch die Kartenaufgaben verlangen ein gewisses Maß an Routine ab, das durch Übung erworben werden muss. Ich habe zum Lernen sowohl das Buch von Axel Bark als auch die schnörkellose Android-App von Matthias Wimmer verwendet. Aber da ich mich zu dem Zeitpunkt sowieso gerade in einer Lern- und Prüfungsphase befand, habe ich einfach noch ein paar Tage angehängt, bevor es dann für drei Tage zum Praxistraining und zur Prüfung in die Treffpunkt Segelschule nach Norderney ging. Zweieinhalb Tage haben wir, teilweise bei Starkwind, mit Jens und Jürgen in kleinen Gruppen Manöver geübt. Mittags konnte ich das leckere Essen an Bord der MS Freundschaft genießen und noch ein paar Kartenaufgaben machen. Abends im Zelt habe ich dann noch etwas Theorie gepaukt, sodass ich die Prüfung am Sonntagnachmittag erfolgreich ablegen konnte. An dieser Stelle sei gesagt, dass man für den SKS dreihundert nachgewiesene Seemeilen in Küstengewässern auf dem Buckel haben muss. Ich hatte das Glück, diese Voraussetzung mit zwei Sommertörns auf der SY Verano bereits erfüllt zu haben.

Die Prüfungen für die Funkscheine fielen mir leicht. Hier habe ich mich mit Hilfe des Buches „UKW-Funkbetriebszeugnis“ von Rolf Dreyer vorbereitet. Ein insgesamt sehr gutes Buch, das jedoch an einigen Stellen ruhig etwas ausführlicher hätte ausfallen können, besonders im Abschnitt Binnenfunk. Das Training für die praktische Prüfung habe ich mit der sehr intuitiven Simulations-Software SRC Tutor II durchgeführt. Der theoretische Prüfungsteil wird auch hier im Multiple Choice-Verfahren abgefragt, sodass ein bis zwei Tage zum Lernen ausreichten.

Dass ich den SBF-Binnen und den FKN als letztes absolviert habe, liegt daran, dass wenn man Besitzer des SKS ist, man den SBF-Binnen Segel/Motor allein durch Ablegen einer Theorieprüfung erhält, was, wenn man wie ich ohnehin schon ausgiebig Jolle gesegelt ist, sowohl Kosten als auch Zeit spart.

Und was kostet der ganze Spaß?

Sicher interessiert es den einen oder anderen nun was das ganze eigentlich gekostet hat. Wie gesagt, ich habe versucht möglichst wenig Geld auszugeben, aber alles in allem hat es dennoch, wie im Bootssport üblich, eine Stange Geld gekostet, wie die folgende Tabelle zeigt.

Ein klein wenig könnte man eventuell noch einsparen, indem man sich die Lehrmaterialien gebraucht kauft oder leiht. Sicher jedoch ist, dass der übliche Weg, eine Bootsschule zu besuchen, ein Vielfaches verschlungen hätte. Geld, das mir dann zum Kauf einer Yacht gefehlt hätte…